Die Jury beim diesjährigen “Münchner Kurzgeschichten-Wettbewerb” hat sich für andere Finalisten entschieden. Das gute daran: Jetzt kann ich meine persönliche Geschichte samt Sehnsucht hier ganz privat veröffentlichen. Der Text ist im Sommer 2011 entstanden, mittlerweile hat sich die Welt weiter gedreht. Doch irgendwie ist immer noch alles aktuell. Oder was denkt ihr?
Lest, schwelgt vielleicht selbst ein bisschen ab und teilt eure ganz persönliche Sehnsucht hier, wenn ihr wollt:
Endstation Sehnsucht
Von Gaby Feile
Jemand rüttelt an meiner Schulter! Schlagartig öffne ich die Augen, obwohl ich Sekunden vorher noch tief geschlafen hatte. Ein kleiner Mann, Mitte Zwanzig, mit olivfarbener Haut und mandelförmigen Augen steht neben mir. „Miss, wir sind da!“ sagt er in goldigem Englisch und strahlt mich an. Jetzt weiß ich wieder, wo ich bin: in Tibet! Der junge Asiate ist mein Fahrer, der mich vom Flughafen abgeholt hat. Ich bin seit 24 Stunden unterwegs und entsprechend erschöpft. Meine Freundin Seow Hee, eine Malaysierin mit chinesischen Wurzeln, arbeitet seit einiger Zeit in einem Luxushotel in Lhasa. „Du musst mich unbedingt besuchen!“ hat sie mehr als einmal geschrieben. Da sie darauf bestand, dass August der beste Monat sei, habe ich also das Reisebüro meines Vertrauens mit der Organisation eines Fluges samt Visum betraut. Ich selbst hätte aufgegeben, besonders als ich im Internet las, dass es weder Direktflüge noch eine Garantie dafür gibt, dass die Chinesen einen über die Grenze lassen. Nun ja, es hat funktioniert. Tashi, so heißt der Fahrer, wie mir jetzt wieder einfällt, ist der Beweis dafür.
Er hilft mir aus dem Wagen, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Obwohl es dunkel ist, erahne ich die imposante Landschaft und spüre die dünne Luft. Lhasa liegt 3.500 Meter über dem Meer.
Tashi schiebt meinen Koffer in Richtung Hoteleingang. Und schon erscheint Seow Hee. „Willkommen!“ ruft sie und läuft mir mit ausgebreiteten Armen entgegen. Ich mache es ihr nach und wir fallen uns in die Arme voller Freude. Mehr als 3 Jahre ist es her, dass wir uns in Dubai zuletzt gesehen haben. Sie sieht nach wie vor beneidenswert jung und frisch aus und strahlt Ruhe und Begeisterung gleichzeitig aus.
Die nächsten zwei Tage verbringe ich dann mehr oder weniger liegend in Seow Hees schnuckeligem Bungalow. Die Höhenkrankheit hat mich erwischt. „Das ist völlig normal hier“, versichert mir Seow Hee. „Doch wenn man es mal überstanden hat, ist es schnell vergessen.“ Sie schickt regelmäßig Hotelangestellte, die mir leckeres Essen, Erfrischungen, Tee, Zeitungen und Medikamente bringen. Selbst eine Massage bekomme ich. Am Abend des zweiten Tages bin ich so fit, dass ich mit Seow Hee im Restaurant esse und einige ihrer Kollegen und ihren Chef treffe.
Am nächsten Morgen treffen wir Tashi am Haupteingang, um unsere Tour zu starten. Dieses Mal hat er ein komfortableres Auto dabei, einen Geländewagen mit Klimaanlage. Seow Hee und ich setzen uns auf die Rückbank. „Bevor ich’s vergesse“, sagt Seow Hee während sie in ihrer Tasche wühlt, „gib mir deinen linken Arm!“ Ich tue wie mir geheißen, und sie befestigt ein orangenes Band daran, das nur im ersten Moment wie ein All-Inclusive-Bändchen aussieht. Dieses hier ist High-Tech! Es hat ein Display, worauf die Uhrzeit, die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit angezeigt werden. Links und rechts davon sind schöne chinesische Schriftzeichen gemalt. „Bitte trage das während der nächsten Tage!“ weist mich Seow Hee an. „Damit kannst du dich überall ausweisen, es hat nämlich auf einem Chip deine wichtigsten Daten gespeichert.“ Sie selbst macht ihres auch um, ganz ohne Hilfe.
Ich denke nicht weiter darüber nach, sondern schaue fasziniert aus dem Fenster des Wagens. Die Landschaft ist a-tem-be-rau-bend! Gefühlte 50 verschiedene Grüntöne schmeicheln meinen Augen. Berge und Täler, Hügel und Ebenen, Bäume und Büsche, Blumen und Gräser – alles ist in wunderschönes Licht getaucht.
„Du musst viel trinken“, ermahnt mich Seow Hee und reicht mir eine Wasserflasche.
Dann beschließt sie, mich jetzt mal ein bisschen in den Plan einzuweihen: „Wir werden in ca. 30 Minuten ein Tal erreichen, das nicht besonders auffällig ist. Doch im Moment findet dort eine Veranstaltung statt, die es so noch nie gegeben hat. Wir werden viele Menschen treffen, die extra dafür angereist sind. Alle wurden, so wie du, von Freunden oder Bekannten eingeladen. Es gibt keine offizielle Korrespondenz zu diesem Event, und auf Facebook oder Twitter wirst du darüber nichts finden. Dennoch kann ich dir versprechen, dass du fünf fantastische Tage haben wirst. Mehr erfährst du, wenn wir da sind.“
„Oh, wow!“ denke ich, während sich in meinem Bauch Neugier, Nervosität, Angst und Freude zu einem Gefühl mischen, das stärker wird, je näher wir unserem Ziel kommen. Seow Hee scheint hingegen völlig gelassen zu sein und lächelt so vor sich hin. Ich widerstehe dem Drang, sie mit Fragen zu löchern und nehme mir vor, mich von ihrer Ruhe anstecken zu lassen. Wenn nicht in Tibet, wo sonst sollte ich das lernen?
Nach einer halben Stunde biegt unser Wagen scharf in eine noch schmalere Straße ein. Kurz darauf sehen wir eine Schranke, vor der ein lächelnder Chinese steht. Ich mache es Seow Hee nach und halte meinen linken Arm mit dem High-Tech Band ans offene Fenster. Die Lampe auf dem Schrankenmast blinkt jedes Mal, wenn einer unserer Chips erkannt wird und öffnet sich dann. Tashi parkt, lädt unser Gepäck aus und verabschiedet sich von uns mit einem Strahlen und einem erhobenen Daumen. Er wird uns in ein paar Tagen wieder abholen.
Wir schieben unser Gepäck in Richtung Empfangskomitee. Dieses steht am anderen Ende des Parkplatzes. Schon von weitem sieht man ein großes, orangenes Banner, das zwischen zwei Bäume gespannt wurde. Auf dem Banner erkenne ich die gleichen sehr schön aussehenden chinesischen Zeichen wie auf den Armbändern.
Es gibt ein großes „Hallo“ und wir halten unsere Bänder wieder gegen ein kleines Gerät. Ab sofort spricht man uns mit Vornamen an und behandelt uns wie alte Freunde. Und man erklärt uns, wie wir zu unserer Unterkunft kommen.
Eine junge Inderin, die einen wunderschönen blauen Sari trägt, bittet uns, unsere Mobiltelefone, Kameras und sonstigen elektronischen Geräte abzugeben. „Aha“, denke ich, „das ist also wirklich alles top-secret.“ Während wir also den Inhalt unserer Handtaschen in eine Metallbox legen, erklärt „Sari“: „Keine Sorge, ihr werdet nichts vermissen. Wenn es zu einem Notfall kommt, haben wir vorgesorgt. Und außerdem gibt es einige professionelle Fotografen und Kameramänner. Ihr könnt euch voll und ganz auf die Veranstaltung und die Menschen konzentrieren. Es wird sehr entspannend sein!“ Wir glauben ihr aufs Wort und verschließen die Box mit unseren Habseligkeiten drin mit unserem Armband.
Die Unterkunft, ein gemütliches Doppelzimmer in einem recht stabil aussehenden Holzhaus, ist schnell gefunden. Wir packen aus und erkunden dann das Gelände. Und weil ich mich nicht mehr zurück halten kann, fange ich, kaum sind wir unterwegs, an Seow Hee mit Fragen zu löchern. „OK“, sagt sie und dirigiert mich zu einer Bank, die da so rumsteht, „setz dich. Du und ich, wir sind hier Teil einer absolut historischen Sache. Wir haben wahnsinniges Glück, dass wir dabei sein können, weil die 1.000 Plätze ganz selektiv vergeben wurden. Dass diese Veranstaltung hier in Tibet stattfindet, hängt damit zusammen, dass der Dalai Lama kommen wird. Du weißt, dass er seit 1959 nicht mehr hier war und seither im Exil lebt. Doch sein Einreiseverbot kommt nun zu einem Ende. Frag mich nicht wie, doch es wurde wohl mit den Chinesen eine Einigung gefunden. Neben dem Dalai Lama werden noch weitere hochkarätige Persönlichkeiten kommen. Diese Veranstaltung findet ab sofort jährlich in unterschiedlichen Teilen der Welt statt. Sie ist offen hinsichtlich Religion, Politik, Rasse und Status. Initiiert wurde sie vom „Internationalen Komitee für Frieden“, dem viele sehr weise Menschen angehören. Sie alle haben das gleiche Ziel: die Welt endlich zu einem friedlichen, harmonischen, sicheren und glücklichen Ort für alle Menschen zu machen. Und wir dürfen mithelfen!“
Fasziniert höre ich zu, wie Seow Hee weiter redet. Mir gehen unglaublich viele Gedanken durch den Kopf, und gleichzeitig weicht das Grummeln in meinem Inneren etwas, das sich unglaublich gut und stimmig anfühlt. Ich kann nicht glauben, dass ich wirklich hier bin und spüre eine unglaubliche Dankbarkeit. Mir wird ehrfürchtig schwindlig, und ich glaube nun endgültig, dass es einen Gott gibt.
„So, wir sollten jetzt zum Mittagessen gehen. Dort werden wir alles Weitere erfahren“, beendet Seow Hee ihre Ausführungen. Wir schlendern dem zentralen Platz entgegen. Dieser ist ein Rund, das etwas tiefer liegt. Runter gelangt man über Stufen, die breit genug sind, um darauf zu sitzen. Wir finden noch zwei Plätze in der dritten Reihe. Vorher wählen wir aus den köstlichen Speisen, die an mehreren Ständen angeboten werden, noch etwas aus. Um uns rum werden viele Sprachen gesprochen, hauptsächlich hört man jedoch englisch.
Nach 5 Minuten sind so gut wie alle Plätze besetzt, und es wird ruhig. Ein paar Personen erheben sich und gehen von unterschiedlichen Richtungen in die Mitte des Platzes. Gleichzeitig werden sie in Großaufnahme auf vier großen Leinwänden gezeigt. Applaus und Jubel brechen aus. Es sind: Bono, Richard Branson, Oprah Winfrey, Bob Geldof, Königin Rania von Jordanien, Erzbischof Desmond Tutu, der indische Superstar Shah Rukh Khan und die Sängerin Shakira.
Gänsehaut breitet sich auf meinem Körper aus, und ich juble mit. Auf den Leinwänden sieht man immer wieder Menschen in Großaufnahmen. Sie repräsentieren scheinbar die ganze Welt, und es sind auch ein paar Promis darunter. Angela Merkel sitzt tatsächlich neben Barak Obama, beide in Jeans und Poloshirt. Gleich daneben sitzen Brad Pitt und Angelina Jolie!
Als der Applaus abebbt, begrüßt Oprah Winfrey alle in ihrer gewohnt herzlichen Art. Sie erklärt kurz die organisatorischen Details, das Übliche halt: Essen, Rauchen, Kaffee, Toiletten etc. Alles klingt super durchdacht und stressfrei. Und scheint die meisten eh nur am Rand zu interessieren. Wer braucht schon Koffein und Nikotin, wenn man dieselbe Luft atmet wie Brad Pitt?
Interessanter wird es, als Richard Branson erklärt, was in den nächsten Tagen hier alles so los sein wird: es gibt täglich mehrere Workshops zu den unterschiedlichsten Themen, die alle Menschen angehen.
Man kann an mehreren Workshops parallel teilnehmen, alle sind irgendwie miteinander verknüpft. Jeweils abends wird es wieder genau hier ein Treffen geben, und wer auch immer möchte, darf von seinen Erlebnissen des Tages berichten. Es gibt weder Ziel- noch Richtungsvorgaben. Die einzigen Bedingungen: think big and make it real! Alles wird gefilmt und festgehalten, sodass sich keiner Sorgen machen muss, dass etwas verloren geht.
Das Schwierige ist nun, eine Auswahl zu treffen. Ich beschließe, meinem Bauchgefühl zu folgen und lasse mich treiben. Also bin ich dabei, wie ein palästinensischer Fotograf und eine israelische Autorin dank ihres gemeinsamen Buches Menschen dazu inspirieren, auf die Lösung des Konfliktes zwischen ihren Ländern zu schauen. Ich treffe im Afrika-Workshop tatsächlich Angelina Jolie. Der Workshop „Spirituelle Führung“ mit dem Dalai Lama ist wie erwartet total überfüllt. Er verspricht zum Schluss, dass die Oberhäupter der anderen Weltreligionen dieses Thema bei den zukünftigen Treffen weitertragen. Im Kommunikations-Workshop stellen wir wieder einmal fest, dass Menschen im Herzen die gleiche Sprache sprechen. Und eine universelle Sprache ist, wie ich in meinem Lieblings-Workshop wieder mal feststelle, sowieso die Musik. Denn wir jammen mit Juanes, Shakira und Peter Maffay, und es klingt super!
Immer wieder treffe ich Seow Hee in den Pausen. Wir lernen unglaublich viele tolle Menschen kennen, die alle so unkompliziert sind, dass es fast weh tut. Und einmal beim Mittagessen sitze ich am Tisch mit Brad Pitt! Er ist total entspannt, beantwortet Fragen und stellt auch welche.
Abends gibt es immer so eine Art „Open Mic-Veranstaltung“. Wer will, erzählt von seinen Erlebnissen, von den Ideen und neuen Projekten. Zwischendurch wird Musik gespielt, Musiker sind ja genug da. So stelle ich mir den perfekten Urlaub vor: das ist „All Inclusive“ vom Feinsten.
Am letzten Abend erreicht das Ganze seinen Höhepunkt. Es wird ein ca. 1-stündiger Film gezeigt, der wirklich alles abdeckt, was wir hier auf die Beine gestellt haben. Beeindruckend, welche bahnbrechenden Entscheidungen hier getroffen wurden. Atomenergie wird bald der Vergangenheit angehören, Palästina ist bald ein eigenes Land, Klimaschutz wird endlich machbar, Banken werden entmachtet, und Grenzen werden sich öffnen! Im Video sieht man gut, wer sonst noch alles da ist: Al Gore, Karl-Heinz Böhm, Roger Federer, Kofi Anan, Pelé und noch so viele mehr!
Es fühlt sich an wie Fußball-WM, Olympische Spiele, Night of the Proms und TED-Konferenz in einem: ung-glaub-lich toll!
Und dann betreten die Musiker die Arena: Neben U2, Peter Maffay, Juanes, und Shakira ist das Who ist Who der Musik da: Tina Turner, Elton John, Robbie Williams, Mick Jagger, Brian May, Beyoncé, die Black Eyed Peas, Bon Jovi, Bob Geldof, Maná, Lady Gaga und weitere Superstars aus der ganzen Welt. Und ein Streichorchester tut sein Übriges dazu.
Die Stars geben ihr Bestes und spielen internationale Hits. Zum Schluss, wie kann es anders sein, singen alle zusammen „We are the world“. Die Menschen liegen sich in den Armen, Tränen fließen, andere tanzen, wieder andere scheinen völlig in sich selbst versunken. Es ist eine magische Nacht, und keiner will, dass sie endet! Irgendwann ganz spät wird es ruhig, und ich schlafe, wie viele andere, an Ort und Stelle, erschöpft und sowas von glücklich ein.
Ich wache auf, als jemand an meiner Schulter rüttelt. Voll froher Erwartung öffne ich die Augen, obwohl ich Sekunden vorher noch tief geschlafen hatte. Ich schaue in zwei mandelförmige Augen, die zu einem jungen Mann mit olivfarbener Haut gehören. „Miss, wir sind da!“ sagt er mit einem süßen Akzent, während er mich anstrahlt. Es ist Tashi, unser Fahrer. Ich bin etwas verwirrt, vor allem als ich merke, dass es tiefe Nacht ist. War ich nicht erst kurz vor Sonnenaufgang eingeschlafen? Und wie komme ich auf den Rücksitz dieses Autos? Ich schließe nochmals kurz die Augen und denke an die Erlebnisse der letzten Tage. Widerwillig öffne ich sie wieder, doch ich bin immer noch im Auto. Wann genau hat Tashi uns aus dem Tal abgeholt? Und warum scheine ich einen Filmriss zu haben? Wo ist Seow Hee überhaupt? Der Fahrer hilft mir aus dem Auto, und da kommt sie an. Sie läuft mir mit ausgebreiteten Armen entgegen und ruft: „Willkommen!“
In diesem Moment wird mir klar, dass ich einen wundervollen Traum hatte. Während ich Seow Hee in die Arme schließe, fange ich mich innerlich. Sie führt mich in die imposante Hotellobby und wir setzen uns in eine gemütliche Sitzecke. „Bevor ich es vergesse“, sagt sie, „gib mir mal deinen linken Arm!“ Ich tue, wie mir geheißen, und sie befestigt ein orangenes Armband daran. Es sieht zwar wie ein All-Inclusive-Bändchen aus, doch dieses hier ist High-Tech! Es hat ein Display, worauf die Uhrzeit, die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit angezeigt werden. „Bitte behalte das für die nächsten Tage an. Auf einem Chip sind deine wichtigsten Daten gespeichert, und du kannst dich damit überall ausweisen. Glaub mir, du wirst es brauchen!“
Die Schriftzeichen auf dem Armband sehen genauso aus wie die auf dem großen Banner, das ich im Traum gesehen habe. Ich frage Seow Hee, was sie bedeuten. „Ach, das sind die chinesischen Zeichen für „Sehnsucht“.“